Bewegung und geistige Gesundheit im Homeoffice

Rene
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Im Zuge der Corona-Pandemie und der täglich steigenden Inzidenzen schickte eine Vielzahl an Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Homeoffice. Hierdurch sollte die Ausbreitung des Virus verringert und der Gesundheitsschutz gewährleistet werden.

Während vor der Krise vier Prozent der Beschäftigten von zu Hause aus arbeiteten, waren es im ersten Lockdown im April 2020 rund 30 Prozent. Auch Ende Januar 2021 arbeitete aufgrund hoher Corona-Infektionszahlen wieder knapp ein Viertel der Erwerbstätigen ausschließlich oder überwiegend im Homeoffice.

Immer wieder wird Kritik laut, dass das Homeoffice-Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft sei. Über 70 Prozent der Deutschen sprechen sich für einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice aus.

Die Vorteile des Homeoffice liegen auf der Hand. Vor allem die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine flexible Gestaltung der Arbeitszeiten veranlassen immer mehr Beschäftigte dazu, die Möglichkeit des Homeoffice in Anspruch zu nehmen.

Aber diese Entwicklung hat auch Schattenseiten. Angesichts der wirtschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen der Corona-Pandemie steigt der Druck auf Beschäftigte immens. Hinzu kommen häufig pandemiebedingte Veränderungen von Lebensbedingungen und Belastungen außerhalb der Erwerbsarbeit, wie z. B. Kita- und Schulschließungen.

Sie können Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Beschäftigten im Allgemeinen und v. a. auch auf die Mitarbeiter im Homeoffice haben. Dort fällt es den Beschäftigten oftmals schwer, Privates von Beruflichem zu trennen, wodurch sie sich zunehmend gestresst fühlen.

Folgen dieser permanenten Stressbelastung können Schlafstörungen sowie psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen, Hautreizungen oder Rückenprobleme sein.

In diesen Stresssituationen ist es nicht selten, dass die Betroffenen mit gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen reagieren. Ungesunde Ernährung, Alkohol oder zu wenig Bewegung sind nur ein Teil dieses Aspekts. Immer mehr Menschen erkranken nach solchen Prozessen an schweren Depressionen oder Angstzuständen.

Auch eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ergab, dass 52,1% der Deutschen glauben, dass die psychische Gesundheit unter der Arbeit im Homeoffice leidet.

Bewegung und geistige Gesundheit

Dabei kann psychischen Beeinträchtigungen vor allem durch physische Bewegung entgegengetreten werden.

Die bundesweite Befragungsstudie GEDA »Gesundheit in Deutschland aktuell« wird seit mehreren Jahren regelmäßig durchgeführt und befragt die erwachsene Bevölkerung in Deutschland zu ihrem Gesundheitszustand und -verhalten.

Die Teilnehmenden wurden zuletzt 2012 nach der Anzahl der Tage pro Woche gefragt, an denen sie körperlich so aktiv sind, dass sie ins Schwitzen oder außer Atem geraten, sowie nach der durchschnittlichen Dauer pro Tag in Kategorien (weniger als 10 Minuten, 10 bis unter 30 Minuten, 30 bis unter 60 Minuten, 60 Minuten und mehr).

Die Angaben werden herangezogen, um den Anteil abzubilden, der die ausdauerorientierten Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (im Folgenden WHO genannt) erfüllt, wöchentlich mindestens 2,5 Stunden mäßig bis sehr anstrengende körperlich-sportliche Aktivitäten auszuüben.

In Deutschland erfüllen 35,0 % der Frauen und 43,6 % der Männer den Kernaspekt dieser Empfehlungen. Dies bedeutet im Gegenzug, dass die Mehrheit, 65,0 % der Frauen und 56,4 % der Männer, weniger als die empfohlenen 2,5 Stunden pro Woche körperlich aktiv ist.

Männer erreichen damit die Empfehlung der WHO signifikant häufiger als Frauen, aber der Anteil reduziert sich bei Männern mit zunehmendem Alter kontinuierlich.

In GEDA wurde außerdem gefragt: »Denken Sie mal an die letzten 3 Monate. Haben Sie da Sport gemacht? Ja/Nein«. Demnach haben 65,8 % der in Deutschland lebenden Erwachsenen in den letzten drei Monaten Sport getrieben.

Frauen und Männer unterscheiden sich diesbezüglich nicht. Ebenso ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern der Anteil derjenigen, die in den letzten drei Monaten Sport getrieben hat, umso größer, je niedriger die Altersgruppe ist.

Die zeitliche Entwicklung der sportlichen Aktivität von Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren kann anhand der Gesundheitssurveys über vier Befragungszeitpunkte innerhalb von 14 Jahren beobachtet werden. Die Häufigkeit der sportlichen Aktivität ist von 1998 bis 2012 gestiegen, wobei insbesondere bei Frauen seit 1998 die Zunahme deutlich beobachtet werden konnte.

1998 waren 50,3 % der Frauen und 56,0 % der Männer sportlich aktiv. Bis zum Jahr 2012 stieg der Anteil der sportlich aktiven Frauen bis auf 67,9 % an, der Anteil der Männer bis auf 66,6 %.

Generelle gesundheitliche Bedeutung der körperlichen Aktivität bei der Arbeit Zuhause

Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf das biomedizinische Risikoprofil sowie die körperliche Fitness aus. Menschen, die regelmäßig körperlich aktiv sind, sind seltener übergewichtig und haben seltener Bluthochdruck, hohe Blutcholesterinwerte oder Blutzuckerwerte als Menschen, die inaktiv sind.

Körperlich aktive Menschen erkranken im Vergleich zu körperlich inaktiven Menschen seltener an chronisch-degenerativen Krankheiten und sterben seltener an vermeidbaren Todesursachen. Die positive Wirkung der körperlichen Aktivität für die Gesundheit konnte insbesondere für Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-, und bestimmte Krebskrankheiten, respiratorische und psychische Krankheiten sowie für Krankheiten des Bewegungsapparates nachgewiesen werden.

Nach einer Metaanalyse von 80 Studien zum Zusammenhang zwischen bereichsspezifischer körperlicher Aktivität und Mortalität weisen Menschen mit dem höchsten im Vergleich zum niedrigsten Aktivitätslevel ein 36 % niedrigeres relatives Mortalitätsrisiko für den Bereich »Gesamtaktivität« auf, ein 26 % geringeres relatives Risiko für »Freizeitaktivität«, ein 35 % niedrigeres Risiko für »Haushaltsaktivitäten« und ein 17 % niedrigeres Risiko für »arbeitsbezogene Aktivitäten«.

Für die Einhaltung der aktuellen WHO-Bewegungsempfehlungen wurde ein 14 % niedrigeres Mortalitätsrisiko für mindestens 150 Minuten mäßig anstrengende körperliche Aktivität pro Woche und ein 26 % niedrigeres Risiko für mindestens 75 Minuten sehr anstrengende körperliche Aktivität pro Woche berechnet. Ferner scheint sitzende Tätigkeit ein unabhängiger Risikofaktor für frühzeitige Sterblichkeit und für bestimmte chronische Erkrankungen zu sein (Banzer, Körperliche Aktivität und Gesundheit, 2017, S. 11).

Bewegung und psychische Gesundheit im Home Office

Dabei hat körperliche Aktivität aber möglicherweise nicht nur eine generelle gesundheitliche Bedeutung. Psychische Störungen tragen in erheblichem Maße zur Gesamtmortalität und -morbidität in der Bevölkerung bei.

Allen voran sind hier die depressiven Störungen zu nennen, die auf Platz zwei der von der WHO ermittelten Rangliste der häufigsten Ursachen aufzufinden sind. Aber auch die Angststörungen, schizophrenen Psychosen und sonstigen affektiven Störungen (z. B. bipolare Störungen, Dysthymien) rangieren unter den ersten zwanzig der hier genannten Ursachen für gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Auch in Deutschland sind psychische Störungen für einen erheblichen Teil der gesamtgesellschaftlichen Morbiditätslast ursächlich heranzuziehen. Dies betrifft alle Altersgruppen in der Bevölkerung gleichermaßen. So stellen beispielsweise psychische Störungen im mittleren Lebensalter eine der Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige Erwerbsunfähigkeit dar.

Für die meisten psychischen Störungen sind zum jetzigen Zeitpunkt keine kausalen Therapien bekannt. Gleichwohl gibt es wirksame Behandlungsoptionen, die in der Regel eine individuell angepasste Kombination aus Pharmakotherapie, Psychotherapie und Soziotherapie umfassen.

Es gehört zum intuitiven Alltagswissen, dass auch körperliche Aktivität, Training und Sport (sportliche Betätigung) sowie spielerische Bewegung einen positiven Einfluss auf das seelische Wohlbefinden haben können (Banzer, Körperliche Aktivität und Gesundheit, 2017, S. 321).

Vermutlich ist gerade diese Erfahrung – die u. a. größere emotionale Ausgeglichenheit, Stimmungsaufhellung und Möglichkeit zum Stressabbau umfasst – für viele psychisch gesunde
Menschen einer der Hauptmotivatoren, um in der Freizeit körperlich aktiv zu sein.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob körperliche Aktivität auch gezielt für den Erhalt und die Wiederherstellung psychischer Gesundheit wirksam eingesetzt werden kann.

Erscheinungsformen psychischer Erkrankungen

Die Erscheinungsformen psychischer Erkrankungen sind vielfältig. Typische Störungsbilder sind unter anderem Schizophrenie, Angststörungen, leichte kognitive Beeinträchtigungen oder Demenz. Eines der häufigsten Störbilder sind affektive Störungen, worunter einmalig auftretende depressive Phasen und länger andauernde bzw. wiederholt auftretende depressive Episoden zu verstehen sind.

Symptomatisch zeigen sich affektive Störungen durch relevante Veränderungen des Aktivitätsniveaus (z. B. Anzahl und Umfang von Freizeitaktivitäten) und der Stimmungslage. Weitere Symptome bilden sich auf emotionaler (z. B. Traurigkeit), kognitiver (z. B. Grübeln), behavioraler (z. B. veränderte Sprache) und physiologischer/vegetativer (z. B. Müdigkeit, Schlafstörungen) Ebene ab.

Auf die affektiven Störungen soll im Folgenden abgestellt werden.

Sport und Depressionen im Homeoffice

Neuere Studien weisen darauf hin, dass sportlicher Aktivität ein hohes depressionslinderndes Potenzial zukommt. Bei Menschen mit bereits vorhandenen depressiven Verstimmungen verbessert die körperliche Aktivität das Krankheitsbild. Aber auch bei psychisch gesunden Menschen hat körperliche Bewegung stimmungsaufhellende Effekte, wenn auch in einem geringeren Ausmaß. Das geringere Ausmaß ist aber darauf zurückzuführen, dass bei Gesunden das Verbesserungspotenzial von vornherein geringer ist als bei psychisch Kranken.

Wie hoch das (präventive) depressionslindernde Potenzial sein kann war lange ungeklärt. In den letzten Jahren zeichnet sich aber in Studien von 2007 und 2011 ab, dass körperliches Training in einem ähnlichen Maße wirksam sein kann wie eine medikamentöse Therapie. Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen aufgeteilt.

Die erste Gruppe absolvierte ein beaufsichtigtes Ausdauertraining auf dem Laufband. Dabei liefen die Teilnehmer dreimal pro Woche mit 70 bis 85% der maximalen Herzfrequenz. Die zweite Gruppe trainierte genau wie die erste Gruppe, jedoch zu Hause und ohne Aufsicht. Die Probanden der dritten Gruppe erhielten ein Antidepressivum, die der vierten Gruppe ein Placebo.

Nach 16 Wochen zeigte sich, dass die depressive Symptomatik in der ersten Gruppe etwas stärker rückläufig war als in der Medikamentengruppe. Auch bei den Teilnehmern der zweiten Gruppe besserte sich die depressive Symptomatik, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie in der Sportgruppe mit Anleitung.

In der Placebogruppe reduzierte sich die depressive Symptomatik in einem geringeren Maße. Insgesamt befanden sich zum Studienende 46% aller Probanden in Remission.

Die Studie gibt einen ersten Hinweis darauf, dass körperliches Training ohne gleichzeitige Gabe von Medikamenten nach vier Monaten depressive Symptome in einem vergleichbaren Ausmaß reduziert wie eine psychopharmakologische Behandlung. Darüber hinaus hält die Besserung der depressiven Symptomatik länger an, wenn Erkrankte nach Beendigung einer Behandlung sportlich aktiv sind.

Körperliche Aktivität wirkt dabei auch durch eine erhöhte positive Eigenwahrnehmung, durch ein steigendes Selbstwertgefühl und durch eine erhöhte Selbstwirksamkeit. Unter Letzterem versteht man den Glauben und die Zuversicht, mit den eigenen zur Verfügung stehenden Fähigkeiten einen Handlungsverlauf so zu organisieren und durchzuführen, dass ein gegebenes Ziel verfolgt werden kann.

Die aktuelle Forschung zeigt, dass alle Arten von Bewegung mit einer Verbesserung der psychischen Gesundheit in Verbindung gebracht werden können. Der stärkste Rückgang der psychischen Krankheitstage trat bei Mannschaftssportarten (22,3 %), Radfahren (21,6 %), Aerobic und Gymnastikübungen (20,1 %) auf.

Sogar die Erledigung der Hausarbeit ging mit einer Verbesserung einher: Das schlechte Befinden der Teilnehmer war im Monat etwa einen halben Tag weniger.

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass auch die Dauer, die Häufigkeit und die Art der körperlichen Aktivität von Bedeutung sind. Bewegungsübungen von 30 bis 60 Minuten, drei- bis fünfmal pro Woche und im Team scheint sich am günstigsten auf die psychische Gesundheit auszuwirken.

Wenn die Bewegungs- oder Sportprogramme mehr als 23-mal pro Monat stattfanden und mit einer Dauer von mehr als 90 Minuten, nahm die Zahl der Tage zu, an denen sich die Teilnehmer der Studie psychisch schlechter fühlten.

(Therapie-)Vorteile

Die Vorteile dieser Studienergebnisse liegen vor allem in den Vorteilen gegenüber anderen Therapien. Sport hat ein hohes Potenzial hinsichtlich Prävention, Therapieerfolg und Lebensqualität. Maßgeblich ist vor allem die Kosteneffektivität im Vergleich zu anderen Präventions- und Behandlungsmethoden.

Die Inanspruchnahme therapeutischer Hilfe oder die Einnahme von Medikamenten ist meist sehr kostenintensiv und kommt für viele Menschen deshalb nicht in Frage. Dazu sinkt auch die Zahl der freien Therapieplätze erheblich, was insbesondere auch an der Corona-Pandemie liegt. Meist müssen Betroffene mehrere Monate auf einen freien Therapieplatz warten.

Körperliche Bewegung sollte deshalb vermehrt in den Alltag integriert werden. Besonders, wenn betroffene Personen im Homeoffice meist sitzend arbeiten.

Sport und geistige Effektivität

Auch die kognitiven Fähigkeiten steigen durch körperliche Bewegung signifikant. Dazu gehören insbesondere das motorische Lernen, die Aufmerksamkeit, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und das Gedächtnis.

Ferner erhöht sich die Stressreaktivität. Die in der heutigen westlichen Zivilisation ubiquitären Stressreaktionen und die körperliche Inaktivität potenzieren die Akkumulation von Energiebereitstellung und -speicherung.

Dies führt zu einer endemischen Ausbreitung von Diabetes, Adipositas und Herzerkrankungen. Körperliche Aktivität verstoffwechselt diese Energie und führt zu einer verbesserten hormonellen und physiologischen Stressantwort. Das bedeutet nach derzeitiger Studienlage, dass Trainierte zwar schneller und stärker mit einer Stresshormonausschüttung reagieren, aber sich auch schneller erholen.

Fazit

Insgesamt weisen die aktuellen Forschungsergebnisse darauf hin, dass körperliche Aktivität ein enormes Potenzial sowohl als präventive als auch als therapeutische Maßnahme bei psychischen Störungen besitzt.

Die zweifellos wichtigste Grundbedingung für solche Effekte ist jedoch, dass Bewegungsaktivität in ausreichendem Umfang auch umgesetzt wird. Motivierung und Verhaltensänderung sind die maßgeblichen Schlagworte. Dies kann vor allem durch Verständnis und Akzeptanz erreicht werden. Zentral für eine Verhaltensänderung ist Bewusstmachung, Informierung, Erklärung und Überzeugung.

Gerade im Homeoffice sollten diese neuen Forschungsergebnisse beachtet und umgesetzt werden. So können psychische Erkrankungen bereits von Anfang an vermieden werden und die Vorteile eines solchen Arbeitens von zu Hause überwiegen. Besonders die Freizeitgestaltung kann so eine erhebliche Aufwertung erfahren.

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